Griechenland Aktuell sprach mit dem Autor Wassilis Aswestopoulos über sein neuestes Buch, über die griechisch-deutschen Beziehungen und über seine künftigen Pläne. Wassilis Aswestopoulos arbeitet seit 2003 für ausländische Medien als Korrespondent für griechische Themen. Seit 2005 ist er in Athen und Aachen aktiv.

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Sie haben dem heute bekanntesten Griechen Mikis Theodorakis eine kurze aber doch farbenreiche Biografie gewidmet. Ist es nicht unheimlich schwierig, eine derart umfassende Persönlichkeit in 160 Buchseiten zu „bändigen“?

Mikis brachte mit seinen Kompositionen Lyrik von Nobel- und Leninpreisträgern in die Haushalte von Griechen aller Bildungsschichten. Allein die detaillierte Beschreibung dieser Leistung würde 160 Seiten sprengen. Mikis lässt sich weder bändigen, noch „besitzen“. Er ist ein Mensch, der auf geradezu anarchistische Weise Dissonanzen studiert, beleuchtet und zu Harmonien formt. Das gilt im musikalischen, aber auch im gesellschaftlich sozialen Sinn. Wir Griechen sagen gern „unser Mikis“ und ärgern uns im gleichen Atemzug über etwas, was er gesagt oder getan hat. Wir – als Gesamtheit, bewundern, lieben, hassen und verachten ihn – es wird aber kaum jemand unter den Griechen sein, dem Mikis gleichgültig ist. Theodorakis selbst vollbringt das Kunststück, gleichzeitig schonungslos realistisch, aber auch unheilbar optimistisch zu sein. Er kann in der schlimmsten Katastrophe – auch im Scheitern der Menschheit, ein positives Signal finden. So wird er jedem, der ihn nach einer Welt ohne Menschen fragt, fröhlich erklären wie glücklich dann Tiere und Pflanzen leben könnten. Nun, sein Leben als Ganzes lässt sich ebenso wenig in 160 Seiten packen, wie die vielfältigen Facetten seiner Persönlichkeit. Seine persönliche, gelebte, komponierte und gedichtete Botschaft – eine Ode an die Harmonie – das lässt sich anhand von Ereignissen, die sein Leben bestimmten manifestieren und vermitteln.

Wie bekannt ist heute Mikis Theodorakis und seine Musik in der Bundesrepublik?

Mikis hat eine große eingeschworene Fan-Gemeinde. Seine Musik findet auch bei der jungen deutschen Generation Gehör. Der in Deutschland sehr populäre Geiger David Garrett, ein junger, überaus talentierter Aachener übrigens, der ebenso wie Mikis keine Scheu hat, klassische Musik mit ebensolcher Hingabe zu spielen, wie Unterhaltungsmusik, interpretiert bei seinen Konzerten vor Popmusikpublikum gern Stücke von Theodorakis. Aktuell gibt es so viele Konzerte in Deutschland mit Musik von Theodorakis, dass man sogar von einem Theodorakis Jahr sprechen könnte. Bei der Premiere des lyrisch, allegorischen Films von Asteris Koutoulas „Dance, Love, Fight, Die“ in Berlin konnte ich Anfang Mai Deutsche kennenlernen, die Mikis mehr lieben und vielleicht sogar besser kennen, als viele Griechen. Bei einem Themenabend zu Theodorakis im Herbst 2017 in Erlangen hatte ich im Publikum Besucher, die mehr als 200 km für eine knapp zweieinhalbstündige Veranstaltung angereist waren. Die deutschen Fans, über die Theodorakis zweifelsohne in Massen verfügt, sehen seine künstlerische, soziale und philosophische Wirkung ohne das Störfeuer der Tagespolitik, das uns Griechen oft den Blick vernebelt.

Erfährt man heute in der Bundesrepublik viel oder eher wenig über Griechenland? Mehrere Jahre lang war die sogenannte „griechische Finanzkrise“ tagtäglich im Focus fast aller deutschen Medien. Wie sieht es heute aus?

Die griechische Finanzkrise war für die Politik ein guter Anlass, von eigenen Mängeln abzulenken. Es war und ist traurig, anzusehen, dass pauschal ganze Völker, wie die Griechen, oder Gruppen, wie die Flüchtlinge oder aber auch die Arbeitslosen von Politikern verurteilt werden. Es war für eine Zeit lang für Kommunalpolitiker recht einfach zu sagen, dass Kinderplätze fehlen würden, weil Milliarden nach Griechenland geflossen seien. Dabei half es natürlich, dass in Griechenland viele Dinge falsch laufen. Dass es nur Kreditgarantien waren, wissen nur wenige. Nur leider sehen auch die Deutschen, dass der Griechen pauschal angelastete Betrug kein hellenisches Monopol ist. Sie erfahren nun in den Medien, dass zum Beispiel von der Firma Audi Diesel-PKWs mit verbotener Schadstoffreinigungsabschaltung auch im Frühjahr 2018, Jahre nach der Aufdeckung des so genannten Diesel-Skandals verkauft wurden. Die deutsche Politik – und damit auch die Medien – haben nun neue Probleme, die sie erklären müssen. Griechenland und seine Staatsfinanzen geraten damit in den Hintergrund. Die Deutschen erfahren somit kaum, dass trotz der Erfüllung der Auflagen der Kreditgeber noch Bedarf für die Regelung der Schuldenlast besteht. Sie haben kaum Kenntnis darüber, wie viele Menschen in Griechenland ohne eine persönliche Schuld durch die Sparpolitik in Armut und Ruin getrieben wurden. Das ist ebenso schade, wie das Zerrbild der Deutschen in Griechenland. Welcher Grieche kann allein anhand der griechischen Medienberichterstattung abschätzen, wie schlecht es den Harz VI Empfängern in Deutschland wirklich geht? Wie diese Deutschen ohne Perspektive und Lebensträume leben müssen? Im Echo der faktischen, von jahrzehntelangen Regierungsperioden von PASOK und Nea Dimokratia verursachten Pleite wurde viel über griechische Missstände, aber wenig über Griechen berichtet. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Man hat die Gelegenheit verpasst, aus den in Griechenland sichtbaren Symptomen fehlerhafter gesamteuropäischer Planung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die griechische, die spanische, die portugiesische und die zypriotische Finanzkrise haben neben den individuellen Fehlern der herrschenden Politiker ebenso systemische Ursachen, wie der Bevölkerungsschwund in den östlichen Bundesländern Deutschlands. Das Ergebnis sehen wir europaweit. Es gibt eine erschreckende Zunahme rechtspopulistischer und rechtsextremer Tendenzen. Das Volk zweifelt an Politik und Medien. Die Boulevardpresse in Europa hat an dieser Entwicklung einen erschreckend großen Anteil.

Als Journalisten müssten wir alle selbstkritisch reflektieren, wieso wir diese Themen – allen voran die „Griechenlandkrise“ mit flotten, pauschal verurteilenden Überschriften versehen haben, statt Hintergründe zu beleuchten. Ich denke, dass die Berichterstattung über Griechenland seit 2010 künftigen Generationen von Journalisten bei ihrer Ausbildung viel Lehrstoff bieten wird, was sie in ihrer Berichterstattung tunlichst vermeiden sollten.

Hat sich heute das Bild des „faulen Griechen“ in der Bundesrepublik geändert, vielleicht verbessert?

Ich kann nicht abschätzen, ob sich das Bild nachhaltig verbessert hat. Fakt ist, das Narrativ ist anders. Heute sind die Flüchtlinge an allem, was in Deutschland schief läuft, schuld. Morgen ist es eventuell wieder jemand anders.

Wie sehen heute die deutsch-griechischen Beziehungen aus?

Auf persönlicher Ebene waren die deutsch-griechischen Beziehungen nie wirklich gestört. Wer als Deutscher griechische Freunde hat, hat diese auch in der Finanzkrise nicht im Stich gelassen. Eher im Gegenteil. Ich kenne Rentner aus dem Aachener Umfeld, die in den Siebzigern und Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts Kollegen meines Vaters waren. Danach brach der alltägliche Kontakt ab. In der Finanzkrise besannen sie sich auf ihren griechischen Kollegen. Auch weil sie meinen Vater und weitere Griechen kennen und schätzen gelernt hatten, gehören diese Menschen nun zu denen, die Medikamente und andere Hilfsgüter für Griechenland sammeln und teilweise persönlich nach Griechenland fahren.

Hinsichtlich der politischen Ebene ist mein Eindruck leider erheblich negativer. Ich kann keine europäische Solidarität darin entdecken, deutsche Waffenfabriken in der Türkei aufzubauen und dann dem durch die aktuelle Politik der Türkei bedrohten Griechenland weitere Waffenkäufe anzubieten. Im persönlichen Gespräch zeigen sich deutsche Politiker, die ich mit durch übermäßige Sparauflagen verursachten Einzelschicksale aus Griechenland konfrontiere, stets erschüttert. Später lese ich dann, dass sie dem weiterhin hohen Spardruck auf Griechenland zustimmen.

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Gerade gestern habe ich meine letzten Beiträge zu einem andersartigen Reiseführer über Griechenland, der unter „Griechenland verstehen“ aus der Reihe „Sympathie-Magazine“ erscheinen wird, abgeschickt. Die Reihe wird vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung seit vielen Jahren herausgegeben. Die Hefte schließen die Lücke, die herkömmliche Reiseführer oft hinterlassen: es geht vor allem um Politik, Kultur, Geschichte, Menschenrechte, Umweltschutz….

Die nächsten Themen, zu denen ich entweder fotografisch, textlich oder filmisch etwas machen möchte, habe ich bereits im Blick. Wie sich diese Projekte neben dem fürs Überleben notwendigen Berufsalltag entwickeln, das hängt immer auch von der Finanzierung ab.   (AL)

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