Laß mich mit dir gehen. Was für ein Mond heute!
Er ist so gütig, der Mond – niemandem wird auffallen,
daß meine Haare grau geworden sind. Der Mond
färbt meine Haare wieder golden. Du wirst nichts merken.
Laß mich mit dir gehen.
Wenn der Mond scheint, werden im Haus die Schatten länger,
unsichtbare Hände bewegen die Vorhänge,
ein bleicher Finger schreibt im Staub auf dem Klavier
vergessene Worte – ich will sie nicht hören. Schweig!
Laß mich mit dir gehen.
Ein kleines Stück nur, nur bis zur Mauer der Ziegelei,
nur bis dorthin, wo sich die Straße krümmt,
wo unter der Tünche des Mondlichts die Stadt aus Zement und Luft auftaucht,
die Stadt, die so gleichgültig ist und so unwirklich
und wirklich erscheint – als wär sie metaphysisch,
daß du schließlich glauben könntest, du bist und bist auch wieder nicht und vielleicht existiertest du niemals, wie auch die Zeit und ihre Vergänglichkeit nicht existierten.
Laß mich mit dir gehen.
Wir werden uns ein wenig auf die steinerne Bank setzen, auf die steinerne Bank auf dem Hügel,
und wie uns da der Wind des Frühlings anweht,
kann es sein, wir glauben, wir fliegen,
denn höre ich nicht oft und auch jetzt im Rauschen meines Kleides
das Rauschen von zwei gewaltigen Flügeln, die auf- und niederschwingen,
und wenn du dich einschließt in den Rausch dieses Fliegens,
spürst du, wie sie deinen Hals, deine Rippen, deine Haut zusammenpressen,
und derart von den Muskeln der blauen Luft,
von den kräftigen Sehnen der Höhe gepackt,
ist es einerlei, ob du kommst oder gehst,
und ohne Bedeutung, daß meine Haare grau geworden sind
(nicht darum bin ich traurig – ich bin traurig,
weil mein Herz nicht auch grau werden will).
Laß mich mit dir gehen.
Ich weiß, daß jeder ganz allein zur Liebe,
zum Ruhm und zum Tod unterwegs ist.
Ich weiß es. Ich habe es versucht. Es nützt nichts.
Laß mich mit dir gehen. …

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